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Raubvögel, Rock’n Roll und Roxanna 
Published on 7/17/21 11:19 PM

Raubvögel, Rock'n Roll und Roxanna

Sie sitzen auf Zweigen und Baumstämmen in verschiedenen Posen oder sind im Flug begriffen, wie das Vögel halt so tun. Doch diese Vögel sind keine lebenden, sondern aus Holz gearbeitete, dem natürlichen Vorbild täuschend ähnliche Figuren. Selbst aus der Nähe betrachtet rechnet man damit, dass sie gleich die Flügel ausbreiten und hochfliegen, die Eulen, Habichte, Falken, Häher oder kleineren Singvögel, die alle ihren hölzernen Ursprung erst preisgeben, wenn man mit der Hand über ihre Körper streicht.

Mit Freude nimmt Roxanna das Staunen und die Bewunderung wahr. Die junge Künstlerin, vielfach preisgekrönt für ihre Arbeiten, spricht mit Verve und Leidenschaft über ihre lebensechten Vogelfiguren und deren Erschaffung. Roxanna Emilia Bauer, geboren 1986 in eine Montrealer Familie österreichischer Abstammung, gestaltet nicht einfach nur Figuren, sondern bezeichnet sich selbst als Tree Resurrector, als jemand, der Bäume in anderer Form wieder erstehen lässt, kurz als Holzarbeiterin. Denn sie fertigt nicht nur täuschend echt aussehende Vögel, sondern als Kunsttischlerin auch Möbel, Intarsienarbeiten, Rahmen und Formstücke, sowie Restaurierungen und Oberflächenbehandlungen von Holz.

Tatsächlich ist die vielbeschäftigte junge Frau neben ihrer Arbeit in der eigenen Werkstatt sogar noch bei der kanadischen Niederlassung der Firma F/List als Finisher, Retuschier-Künstlerin und Farben-Theoretikerin angestellt. Diese aufstrebende Firma mit Hauptsitz in Thomasberg, Niederösterreich, und mehr als 900 Mitarbeitern an acht Standorten weltweit präsentiert sich als Hersteller von maßgefertigten Interieurs/Inneneinrichtungen der Luxusklasse für Flugzeuge, Yachten und gehobene, private Wohnsitze. Der kanadische Standort in Laval, Quebec, besteht seit 2017 und beschäftigt rund 60 Mitarbeiter – seit Juni 2019 auch Roxanna Bauer.   In Laval produziert die Firma hauptsächlich Furniere, Verblendungen und Beschichtungen aus Holz oder Stein für Bombardier Business Jets und Privathäuser, seit neuestem machen sie auch zertifizierte Reparaturarbeiten an den Inneneinrichtungen der Flugzeugkabinen. 
Bei F.List gefällt es ihr besser als bei Bombardier, wo sie vorher knapp fünf Jahre lang in einer ähnlichen Position gearbeitet hatte. „Hier bei F.List“, sagt sie, „wird man wirklich als Person wahrgenommen und wertgeschätzt.“ Man könne mit den Kollegen aus ca. 15 Nationen, neben Quebeckern seien das vornehmlich Iraner, Syrer, Afghani, Chinesen und Philippinos, viel besser in dieser kleinen, aber prestigeträchtigen Firma zusammenarbeiten und dabei viel lernen. Begeistert übernimmt sie kurzzeitig die Rolle der Besucherführung durch die sauberen Fertigungshallen und Ausstellungsräume der Firma und zeigt auch Musterstücke an Möbeln und Intarsienarbeiten her, die sie mit Kollegen oder selbständig angefertigt hat. 
Roxanna kam durch eine glückliche Fügung in die Firma F. List, die auch ihr Talent als eigenständige Künstlerin vielfältig fördert. Als sie nämlich in nimmermüder Verfolgung ihres Interesses an der Perfektion ihrer Holzgestaltungsfertigkeiten einen Falknereikurs in St. Colomban, Quebec absolviert, hört sie durch die Trainerin erstmals von dieser österreichischen Firma, und ohne viel Federlesens bewirbt sie sich, bewaffnet mit ihrem umfangreichen Portfolio und ihrer soliden Ausbildung. Die Firma stellt sie ein. Wie auch nicht, denn Roxanna kann neben ihrer künstlerischen Tätigkeit auch einiges andere nachweisen: gleich nach der Schule studierte sie an der Concordia-Universität mit einem Bachelor-Abschluss in Geschichte im Jahr 2009 und belegte an der Uni zusätzlich Kurse in Geschichte des Rock 'n‘ Roll, lernte Geige spielen. 
In einer Montrealer Hillbilly-Kneipe, The Wheel Club, wo sie im Rahmen eines Uni-Projektes mitmischt und auftritt, erfährt ihr Lebensweg den entscheidenden Impuls für Klarheit in Gestalt von Bob Comeau, der dort ebenfalls spielt und Roxanna mit seinem Pensionisten-Hobby bekanntmacht, dem Schnitzen bzw. der Fertigung von Vogelskulpturen aus Tupelo-Holz. 
 
Roxanna ist sofort begeistert, sie lernt und lernt: über Holz, über Holzarbeiten, über Werkzeuge zur Holzbearbeitung, über Vögel, deren Anatomie, deren Lebensräume, deren Eigenarten und Verhaltensweisen. Tief dringt sie ein in eine neue, faszinierende Welt, schreibt sich beim Rosemont Technology Centre sogar für einen Lehrgang in Kunsttischlerei und einen für Oberflächenbearbeitung ein. Beide schließt sie mit Auszeichnungen 2014 ab. Daher stammt ihre Vorliebe für die Handhabung elektrischer Werkzeuge für die Holzbearbeitung, auch bei ihren Vogelskulpturen – sie benutzt kein herkömmliches Schnitzmesser -, und sie hat jetzt die Gewissheit, mit der Arbeit ihrer Hände ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. 
In ihrem Streben nach Vervollkommnung ihrer Technik belegt sie im Oktober 2012 auch einen Kurs für Greifvogelskulpturen an der Vermont Raptor Academy mit dem renommierten Künstler Floyd Scholz, der fortan ihr Mentor wird. Dessen Holzskulpturen sind sehr begehrt, trotz der sechsstelligen Preise dafür. Dort in Bennington, Vermont, lernen Interessierte nicht nur die künstlerische Herstellung lebensechter Greifvögel, sie lernen sie sogar unter Anschauung lebender Objekte. Roxana lenkt nun ihr Augenmerk auf das Zusammenspiel von Federausrichtung, Körperhaltung, Gleichgewicht und Augenposition in den Skulpturen und darauf, eine Vogelskulptur auf einen Grundstock zu montieren, der den natürlichen Lebensraum des jeweiligen Vogels darstellt und mit künstlerischer Vorstellungskraft vereint. So wird aus einem interessanten Hobby für Roxana langsam, aber sicher eine Berufung. Zahlreiche künstlerische Arbeiten und die vielen Auszeichnungen und Preise dafür, wie auch ihre Erfolge auf der industriellen Seite an ihrer Arbeitsstelle bei F. List zeugen von der Tragfähigkeit dieser Entscheidung. 

Roxanna, das Multitalent, hat aber trotzdem noch Hobbys. Ein maßgebliches ist ihre aktive Mitgliedschaft beim Schuhplattlerverein Alpenland Montreal. Gegründet 1952 von ihrem Großvater, Karl Bauer, einem passionierten, ursprünglich nach Vancouver eingewanderten Schuhplattler, und Roxannas Großmutter Ann, hat sich dieser Trachten- und Volkstanzverein auf die Fahnen geschrieben, bairische und österreichische Traditionen, Sitten und Gebräuche in Montreal zu pflegen und an nachfolgende Generationen weiterzugeben.
Bei den beiden Enkeln, Roxanna und ihrem Bruder Karl, hat diese Weitergabe gut funktioniert, denn beide tanzen im Verein schon seit früher Kindheit mit, haben mittlerweile sogar wichtige Funktionen inne, wie Vorplattler und Vortänzerin. Sie seien quasi in diese Tradition hineingeboren worden, sagt Roxanna, denn nicht nur ihre Großeltern und Eltern, sondern auch weitere Familienmitglieder waren und sind aktiv beim Schuhplatteln und im Verein. 
Kürzlich ist Roxanna bei ihrer Großmutter mütterlicherseits, der 94-jährigen Elisabeth Handler, eingezogen, die laut Enkelin immer noch gern tanzt. Roxanna liest und spricht mit ihrer Omi auf Deutsch – besonders gern lesen sie zusammen Das Echo! Roxanna hat noch viele Projekte im Auge, einige davon sind durch die momentane Situation der Einschränkungen allerdings ins Hintertreffen geraten, wie z.B. ihr Plan, in Montreal eine extravagante Ausstellung zu organisieren, wo ihre Werke im Zusammenspiel mit anderen darstellenden und bildenden Künstlern und Modedesignern präsentiert werden. 
Befragt über ihre längerfristigen Pläne, meint Roxanna, sie würde gern ihre Zusammenarbeit mit F. List dahingehend ausbauen, dass auch ihre eigenen Designs in die Aufträge von Kunden eingefügt werden. Ihr Traum sei es jedoch, eine Art schwimmender Galerie auf einer großen Yacht aufzuziehen, die die Geschichte und die Entstehung ihrer eigenen Entwürfe und Objekte zusammen mit Produkten der Firma zum Thema habe. Pläne dafür seien bereits in Arbeit, und beim Hauptsitz der Firma F. List in Österreich sei man dafür durchaus empfänglich. Roxanna Bauer ist also auf dem besten Wege, sich ihren Platz im Universum von Kunst, Design und Industrie zielstrebig zu erobern, denn: Roxie rockt! 
Das Geheimnis der Demeter
👈️Begleitende Bilder zum untenstehenden Text

Oben: die um ihre Tochter weinende Demeter
Gemälde von Evelyn de Morgan
Links: Persephone, Tochter der Demeter
Gemälde von Gabriel Rosetti
Rechts: Mysterientempel Telesterion

Demeter war die griechische Göttin der Fruchtbarkeit. Sie lehrte die Menschen den Ackerbau und trug Sorge um die Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides und der Saat.
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Das Geheimnis der Demeter

Zwischen Veszprém, Timisoara und Eleusis gibt es einen gemeinsamen Nenner: diese drei Ortschaften wurden vom Europäischen Parlament gemeinschaftlich zu europäischen „Kulturhauptstädten 2023“ erklärt. Dieser Titel wird auf Initiative der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri seit 1985 unter immer wieder modifizierten Auswahlkriterien kontinuierlich für jeweils ein Jahr vergeben, wobei es bis 1999 Kulturstadt Europas hieß, seither Kulturhauptstadt. Seit 2004 muss es mindestens 2 solcher Kulturhauptstädte geben, um der EU-Erweiterung Rechnung zu tragen. 

Alle drei Jahre können sich auch EU-Beitrittskandidaten sowie EFTA/EWR-Länder bewerben. Die Auswahl erfolgt mit einer sechsjährigen Vorlaufzeit, basierend auf einem Rotationsprinzip und den zugelassenen Bewerbungen. „Ziel ist es, die kulturelle Vielfalt aufzuzeigen, die Kulturszene der ausgewählten Städte ins Rampenlicht zu rücken und Impulse für deren langfristige Entwicklung auszulösen“, heißt es offiziellerseits. 

Ist die Bewerbung eines Ortes oder einer Region erfolgreich, werden großzügige Fördermittel von der Gemeinschaft zur Umsetzung bereitgestellt. Veszprém in Ungarn und Eleusis in Griechenland trennen rund 1,000 km Luftlinie oder 1,500 km auf befahrbaren Straßen, und um das rumänische Timisoara mit einzubeziehen, muss man einen ca. 400 km langen Schwenk nach Südosten einschieben. 

Nehmen wir uns doch einfach mal die Freiheit, mit dem Finger über die Landkarte zu fahren und in Gedanken, dem Finger folgend, alle drei Örtlichkeiten ausführlich zu besuchen.   Wir beginnen im Süden, denn wir sind gerade in Athen gelandet und nehmen gleich ein Taxi für die 21km bis nach Eleusis (Neugriechisch Elefsina). Ursprünglich für 2021 geplant und aufgrund der globalen Hysterie auf das Jahr 2023 verschoben, beginnen die Veranstaltungen im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms am 4. Februar abends mit der Eröffnungszeremonie direkt am Hafen und werden u.a. in Form von neuen Mysterien das ganze Jahr lang fortgesetzt. 

Die ca. 25,000 Einwohner der heutigen Industriestadt Elefsina hoffen darauf, mit Hilfe des Titels und aufwendigen Veranstaltungen nicht nur besonders viele Touristen anzulocken, sondern auch aus dem Schatten Athens herauszutreten und direkt an die mehrtausendjährige Geschichte des Ortes anzuknüpfen. Dabei war Eleusis eigentlich immer mit Athen verbunden, denn bereits im Altertum pilgerten die Athener in festlicher Prozession in den Ort zu Ehren von Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus, und ihrer Tochter Persephone, baten um eine reiche Ernte und nahmen an den mehrtägigen Riten teil, den Eleusinien, die jeden September über einen Zeitraum von tausend Jahren bis etwa 329 n.Ch. stattfanden. 

Es war eine der wichtigsten und geheimnisvollsten Veranstaltungen der gesamten antiken Welt. Warum gerade hier? Nun, der Mythologie zufolge fand Demeter genau an diesem Ort, bei König Celeus, Hilfe und Gastfreundschaft bei ihrer verzweifelten Suche nach ihrer Tochter, die damals noch Kore hieß. Das Mädchen, von Demeter mit ihrem Bruder Zeus gezeugt, war von Hades, dem Gott der Unterwelt, geraubt und zu dessen Frau geworden. Im spannenden Mythos lässt Demeter aus Zorn darüber auf Erden nichts mehr gedeihen und zwar so lange, bis zwischen Zeus, Hades und Demeter ein Kompromiss gefunden wird, wonach Kore, jetzt Persephone, zwei Drittel des Jahres auf Erden und ein Drittel bei Hades in der Unterwelt leben würde. Sie muss zumindest teilweise bei Hades bleiben, denn während der neun Tage hatte sie einen Granatapfel gegessen und sich damit auf ewig an die Unterwelt gebunden.

Demeter beweint während dieses letzten Drittels immer noch den teilweisen Verlust ihrer Tochter und darum ist Winter auf Erden, die Zeit, in der nichts wächst. Jedenfalls ist Demeter eine dankbare Göttin, denn das Wiedererscheinen ihrer Tochter feierte sie mit König Celeus, indem sie den Menschen in Eleusis und damit der Welt die Geheimnisses des Ackerbaus nahebrachte. 

Vielleicht würden wir, die Menschen heute, weniger Gifte in der Nahrung aufnehmen, wenn Demeters naturnahes Wissen endlich wieder flächendeckend in der Landwirtschaft angewandt werden würde. 

Die Riten der Demeter, deren Ausübung zu Fruchtbarkeit und reicher Ernte führten, wurden also über tausend Jahre hinweg in Form der Eleusinien innerhalb von 9 Tagen zelebriert und den Adepten, unter ihnen auch Frauen und Sklaven, wurde bei Todesstrafe verboten, darüber zu berichten. So weiß man bis heute nicht genau, was nach Ankunft der Prozessionen im Heiligtum der Demeter zu Eleusis tatsächlich mit den jeweils mehreren tausend Teilnehmern geschah und stützt sich auf sehr wenige Überlieferungen und Texte von Sophokles, Herodotus, Aristophanes und Plutarch, die alle einmal an diesen Riten teilnahmen. 

Der Tempel der Demeter, genannt Telesterion, war eines der größten geschlossenen Bauwerke der Antike. Die Teilnehmer befanden sich im Telesterion in fast völliger Dunkelheit, um die Leiden der Demeter auf ihrer verzweifelten neuntägigen Suche möglichst getreu nachzuempfinden. Ihnen wurde ein Getränk, Kykeon, serviert, von dem manche Forscher annehmen, das es haluzinogene Substanzen enthielt. Ansonsten wurde während der neun Tage gefastet. 
Es gab wohl im Tempel auch visuelle Aufführungen, Schauspiele und Beschwörungen um das innere Sanktum herum, aus dem Priester und Priesterinnen heraustraten in die Menge, vor allem der Hierophant, der Hohepriester der Demeter, dem die Teilnehmer gelobten, über ihre intensiven spirituellen Erfahrungen beim Eindringen in die Rätsel des Todes für immer zu schweigen. Man spekuliert sogar dahingehend, dass im schwachen Lichte der wenigen Feuer Menschenopfer und Vergewaltigungen stattfanden – alles gemäß dem Demeter-Mythos. Was allerdings verbürgt ist sind Berichte über Teilnehmer, die während der Mysterien in Schockstarre gefangen blieben, und viele sprachen darüber, wie diese Erfahrung sie veränderte und ihnen ihre Todesangst nahm.

Mit dem Vormarsch des Christentums unter Alarich, König der Visigothen, fanden die Eleusinien 396 n.Ch. ihr Ende. Ein anderer sehr prominenter Grieche hat den uralten Mythos um die Erdgöttin, die alles zum Leben erweckt und ernährt und am Ende des Lebenskreises das Leblose wieder in ihren Körper aufnimmt, in einem seiner Stücke skizziert: Äschylos, der Tragödiendichter, in Eleusis geboren und einmal Teilnehmer an den Mysterien um Demeter, lud den Zorn vieler auf sich und wurde des Verrats bezichtigt, weil er im zweiten Teil seiner Orestie einige der Geheimnisse des Kults auf die Bühne brachte. 

Auf den Spuren dieser antiken Mysterien kann man sich also auch heute noch wohlig gruseln und trefflich unterhalten,
wenn man den Ort am Nordufer des Saronischen Golfes und die alljährlichen Aischyleia-Festspiele oder die anderen 465 Veranstaltungen an 30 verschiedenen Orten besucht, die in dieser ansonsten eher unromantischen kleinen Industriestadt am westlichen Stadtrand von Athen im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms angeboten werden. 

Demeter , die Göttin der Fruchtbarkeit, hat bis heute wenig von ihrem eindringlichen Mythos verloren, und die Wichtigkeit ihres Waltens in Elefsina wird von Regisseur und Schauspieler Michail Marmarinos, dem künstlerischen Leiter aller Veranstaltungen folgendermaßen charakterisiert: "An diesem Ort begann die Kultivierung von Weizen für die Menschen. An diesem Punkt haben die Menschen ihr Nomadendasein beendet, haben aufgehört umherzuwandern, um Nahrung zu suchen", haben somit eigentlich unsere gesamte Zivilisation begründet. Von diesem Gedanken erfüllt steigen wir zurück ins Taxi, um nach Athen zu fahren und dann von dort in Richtung der nächsten zu besuchenden europäischen Kulturhauptstadt zu fliegen: ins rumänische Timișoara.  
Anna Göldi, die letzte Hexe
Verurteilt am 6. Juni, hingerichtet durch das Schwert am 13. Juni 1782.

Lesen Sie über Anna Göldi, ihr Leben und Sterben im untenstehenden Text.


Bildnachweis: Anna Göldi, hier auf dem Triptychon «Anna», gemalt von Patrick Lo Giudice. Foto: © 2014 Pro Litteris, Zürich

Das Schwert, mit dem sie enthauptet wurde, zu sehen im Anna Göldi Museum, in Ennenda, Kanton Glarus, Schweiz.

Der Hexenhandel von Glarus

Verurteilt am 6. Juni, Vollstreckung des Urteils am 13. Juni. So schnell arbeitet 1782 die Gerichtsbarkeit, denn immerhin handelt es sich bei der Delinquentin um eine Hexe. Denn Hexen sind gefährlich für das Seelenheil ehrbarer Bürger, aber vor allem für die öffentliche Ordnung, also für etablierte Sozialstrukturen und Machtverhältnisse. 

Anna Göldi, Dienstmagd,
geboren 1734 in Sennwald im Schweizer Kanton St. Gallen, wird von ihrem letzten Dienstherrn, dem angesehenen Arzt Johann Jakob Tschudi der Giftmischerei und der Hexerei beschuldigt. Tschudi ist obendrein Richter und Ratsherr, somit einer der respektierlichen Honoratioren im Kanton Glarus. Dahin hatte es Anna Göldi 1780 auf der Suche nach Arbeit verschlagen, nachdem sie wegen angeblicher Kindstötung an den Pranger gestellt, zu 6 Jahren Hausarrest verurteilt worden und entkommen war: eines ihrer Kinder, unehelich gezeugt mit früheren Dienstherrn in forcierter Erweiterung ihrer Pflichten als Magd, war kurz nach der Geburt gestorben. 

Der ehrenwerte Richter und Ratsherr ist verheiratet und hat fünf Kinder, was ihn aber laut Nachforschungen aus dem Jahr 2007 nicht daran hindert, mit der offenbar attraktiven Anna ein Verhältnis zu beginnen. Damals war es festgelegt,  dass überführte Ehebrecher Kapitalverbrecher waren und kein politisches Amt bekleiden durften, aber der Akt hatte wohl Konsequenzen und das Fehlverhalten muss schleunigst uminterpretiert werden. Tschudi macht also mobil, unter Zuhilfenahme seiner ganzen Familie, um einen Hexenprozess gegen die Magd zu beginnen. Die Anklage basiert darauf, dass Tschudis kleine Tochter Nadeln zuerst in ihrer Milch getrunken, dann immer wieder welche ausgespuckt habe, und von Anna verhext, vergiftet worden sei. Es gibt noch weitere, finanzielle, Motive: Verwicklungen der Familie in einen Erbschaftsstreit. Tschudi will sich auch da seinen guten Ruf nicht beflecken lassen. 

Der Prozess beginnt im Februar, die monatelange Rechtsfindung erfolgt in üblicher Manier unter Folter. Für die fachgerechte Ausführung derselben werden drei Mitglieder der seit Generationen bekannten Scharfrichter-Dynastie Volmar engagiert. Franz L. Volmar, assistiert von seinem Sohn, unterzieht Anna der Zug- und Streckfolter, wobei ihr die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, an den Füssen ein schwerer Stein befestigt und sie an den Armen hochgezogen wird. So kugeln ihre Schultern aus... Johann Jakob Volmar, sein Neffe und seines Zeichens Arzt, wird sodann Annas Arme für die über Monate nachfolgenden Foltergänge jeweils wieder einrenken. 

Anna gesteht, wird daraufhin zum Tode verurteilt. Im Urteil jedoch werden die Begriffe «Hexe» und «Hexerei» vermieden. Vielleicht war Tschudi der Aufwand doch peinlich geworden. Göldi wird zwar als Giftmischerin verurteilt, aber gleichwohl als Hexe gebrandmarkt. Die Exekution
erfolgt öffentlich durch Scharfrichter Volmer, der ihr mit seinem rasiermesserscharfen, extrem teuren, zwei Kilo schweren und 110 cm langen Schwert im Beisein vieler hundert Schaulustiger fachmännisch den Kopf abschlägt. Annas Überreste werden gleich an Ort und Stelle verscharrt, denn einer Hexe gebührt kein ordentliches Begräbnis; über den Fall wird Geheimhaltung verfügt und diese von der Zensur streng überwacht. Rien ne change jamais.... 

Einzelheiten gelangen über den Glarner Gerichtsschreiber Kubli, der die geheimen Protokolle unter Einsatz seines Lebens, ähnlich einem whistle blower heutiger Zeit, abschreibt und verbreitet, dennoch ans Licht, und sehr bald recherchieren deutsche Journalisten den Fall – es gab damals unabhängige solche – und prangern ihn als Skandal wider den Geist der Aufklärung an. Zum erstenmal taucht der Begriff „Justizmord“ auf, Debatten über unterschiedliche Meinungen werden öffentlich geführt, der Prozess wird als „Hexenhandel in Glarus“ schon damals Thema kritischer Aufsätze. Die Glarner laden daraufhin sogar den bekannten Journalisten Ludwig Lehmann ein, der den ramponierten Ruf der Behörden in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit durch seine Artikel wieder aufpolieren soll.
Aber dieser Journalist bleibt unbestechlich und kritisch. Die relevanten Akten liegen unter Verschluss, bis der Glarner Landrat sich im Juni 2008 dazu bequemt, auf Antrag des Schriftstellers Walter Hauser eine neue Bewertung des damaligen Verfahrens in Auftrag zu geben. 

Anna Göldi war die letzte Europäerin, die wegen Hexerei hingerichtet wurde. Die erste war Petronilla de Meath. Sie starb am 4. November 1324 in Kilkenny, Irland. Auch sie war eine Magd in reichem Hause, und sie wurde als erste „Hexe“ im neuzeitlichen Europa bei lebendigem Leibe verbrannt. Der letzte Hexenprozess in Deutschland fand in Kempten im Jahr 1775 gegen Anna Schwägelin statt. Sie wurde zum Tode durch das Schwert verurteilt. Das Urteil wurde jedoch nie vollstreckt, sie starb im Kemptner Gefängnis ein Jahr vor dem Beginn des Prozesses gegen Anna Göldi in der Schweiz. 

Entgegen landläufiger Meinung waren Hexenprozesse mitnichten eine Erfindung des finstren Mittelalters, denn dieser kollektive Wahnsinn entfaltete sich in voller Größe erst zu Beginn der Renaissance, Jahrzehnte nach Petronillas Verbrennung, und zwar gegen Männer und Frauen gleichermaßen. Die Kirche mit ihrer Inquisition war zwar auch früher schon lange dafür bekannt, Menschen wegen Ketzerei und Auflehnung gegen die Institution zu verbrennen, aber nicht wegen vorgeblicher Hexerei. Flächendeckende, massenweise Hexenprozesse begannen erst nach Erscheinen des „Hexenhammers“, des „Malleus Maleficarum“, den der Dominikanermönch Heinrich Kramer genannt Institoris 1487 veröffentlichte. Die Prozesse wurden auch nicht von der Kirche geführt, sondern vorwiegend von weltlichen Gerichten. 

Dieser Hexenhammer enthält „hochwissenschaftliche“ Nachweise über die Existenz von Hexen, ihre Identifizierung, ihre Vergehen und die richtige Vorgehensweise, sie unschädlich zu machen. Juristen, Herrscher und Bürokraten hatten nun eine alternativlose Handhabe, unliebsame Personen aus der Gemeinschaft zu entfernen oder einen Schuldigen für widrige wirtschaftliche oder soziale Entwicklungen zu finden. Gerhard Prause, deutscher Historiker, schrieb 1947: „Es waren Wissenschaftler, Universitätsprofessoren, hochangesehene Theologen, Philosophen, Juristen, die die Existenz von Hexen, die von der Kirche jahrhundertelang bestritten worden war, für wahr und ihre Verfolgung für notwendig erklärten.“ Wissenschaftliche Gutachten wurden auf dieser Grundlage auch zur Verfolgung derjenigen erstellt, die anders lebten als verordnet. 

Besonders perfide war das Denunziantentum, denn aus Streit oder Rachegelüsten heraus konnten Menschen andere anonym und ungestraft bei der Obrigkeit anschwärzen, erhielten im Falle einer Verurteilung des Beschuldigten sogar eine Belohnung in Höhe von bis zu einem Drittel dessen Vermögens. Noch ist unklar, was genau den Boden für diese neue Ideologie bereitet hatte, deren Hauptzeit zwischen 1560 und 1650 mit der kältesten Phase der Kleinen Eiszeit zusammenfiel, als klimatische Veränderungen schwere Hungersnöte und soziale Spannungen verursachten. Es gibt auch die Theorie vom Zusammenbruch aller sozialer Normen und Werte als Konsequenz der großen Pestepidemien in Europa als Ursache. 

Anna Göldi jedenfalls wurde nach Neubewertung ihres Verfahrens am 27. August 2008 vom Tatbestand der Vergiftung entlastet, von aller Schuld freigesprochen und ihre im Juni 1782 erfolgte Hinrichtung nur 226 schlappe Jahre später als Justizmord anerkannt.

Der obenstehende Text wurde zuerst in "Das Echo" im Juni 2021 veröffentlicht und am 6/9/21 9:43 PM online gestellt.

Timisoara, Tarzan und Trianon

Tarzans Urschrei mag laut Hollywood zwar einige Trommelfelle afrikanischer Dschungelbewohner zerfurcht haben, aber derjenige, der ihn einstens auf der Kinoleinwand darstellte, kam 1904 im heutigen Timisoara als Peter Johann Weissmüller zur Welt und maträtierte höchstens die Ohren seiner donauschwäbischen Eltern.  

Zu jener Zeit war diese zweite der heurigen europäischen Kulturhauptstädte nämlich noch Hauptstadt des ungarischen Banats, seit dem Sieg über die Türken unter Prinz Eugen von Savoyen 1716 wieder innerhalb der Habsburger Doppelmonarchie gelegen. Die Habsburger siedelten viele Deutsche in der Stadt an und viele deutsche Dörfer entstanden in ihrem Umfeld, so auch Freidorf, wo der spätere Kino-Tarzan und Schwimm-Olympionike Johnny Weissmueller geboren wurde. Über Jahrhunderte eine ungarische Stadt und sogar Residenz der ungarischen Könige, aber seit 1394 immer im Visier der Türken, geriet Temesvár  schließlich 164 Jahre lang unter osmanische Herrschaft. Die Osmanen betrachteten die Stadt gar als Sprungbrett für die Eroberung Europas. 

Nach der blutigen und langwierigen Rückeroberung entschied der Wiener Hof, die zerstörte Stadt neu aufzubauen und mit einer Festung zu umgeben, was in ihrer bis heute erhaltenen barocken Struktur resultierte.  Maria Theresia allerdings, die Kaiserin, unter deren Herrschaft die von den Türkenkämpfen verwüsteten hauptsächlich ungarischen Landstriche mehrheitlich neue Siedler aus Deutschland bekamen, eben die Donauschwaben, musste 1778 dem Druck der ungarischen Magnaten nachgeben und das Banat ins "Gebiet der Stephanskrone" rückgliedern, worauf es wieder vollständig ungarisch wurde und Temesvár dies, mit einigen dramatischen Unterbrechungen, bis 1918 auch blieb. 

Zwischendurch suchte der Österreichische Kaiser Zuflucht in der Stadt, zumindest für seine Kronjuwelen und die Ungarische Heilige Krone, die nach dem Überfall Napoleons auf Österreich 1809 dorthin zur Sicherheit überführt wurden. Seit des Habsburgisch beauftragten Wiederaufbaus ist Temesvár, die Stadt mit sumpfiger Umgebung im Südosten des Pannonischen Beckens im Schnittbereich alter Handelsstraßen von der Ostsee zur Ägäis bzw. von der Adria und Mitteleuropa zum Schwarzen Meer, auch als Klein-Wien bekannt, eine Bezeichnung, mit der sich das heutige Timisoara immer noch gern schmückt. 

Der Beiname erinnert an die einstmal enge Bindung an die Hauptstadt des Habsburgerreiches und an Ähnlichkeiten in Architektur und Lebensweise zwischen beiden Städten, bis hin zum Merkmal des Vielvölkergemisches. Etwa 20 unterschiedliche Kulturen lebten hier zusammen, wobei die Ungarn, die Deutschen, Rumänen und Serben prägend für die Stadtgeschichte waren. Temesvár ist die zweite europäische Stadt nach London, falls man geneigt ist, England Europa zuzuordnen, deren Straßenbeleuchtung bereits 1884 elektrifiziert wurde. 

Die in großer Zahl zugezogenen Rumänen beherrschen die gesellschaftliche Zusammensetzung, seitdem der größere östliche Teil des Banats mit Temeswar und dem Arader Komitat (66,5% = 18966km²) im Vertrag von Trianon 1920 Rumänien zugeteilt wurde. Das trat einen tiefen Konflikt los, der nun schon 123 Jahre lang schwelt und keinerlei Anzeichen einer Lösung erkennen lässt.  

Die meisten Menschen im Banat erwachten also eines Morgens im Juni 1920 und sahen sich unversehens abgeschnitten von ihrer Heimat und ihrer Wurzeln beraubt, also hauptsächlich die Ungarn und Deutschen, die seit Jahrhunderten im nun Rumänien zugeschlagenen Gebiet gesiedelt hatten. Die Ungarn waren am schlimmsten betroffen, hatten sie doch schon seit dem 10. Jahrhundert dort gesiedelt, wie Friedhofsfunde belegen. Seltsamerweise hatten die Vertreter der dort lebenden etwa 800.000 Mitglieder der deutschen Minderheit - vor allem Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben - während der Trianon-Verhandlungen entschieden, ein Teil des rumänischen Staates zu werden. Allerdings sind die meisten Rumänien-Deutschen inzwischen ausgewandert, hauptsächlich nach Deutschland und Österreich. 

Folgerichtig begann die Blume des Banats, Temesvár, nun umbenannt in Timișoara, zu welken, hatte unter wirtschaftlichem Niedergang zwischen den Weltkriegen und im zweiten unter einiger Zerstörung zu leiden.  Die ungarische Minderheit wurde fortan in der Stadt wie in ganz Rumänien unterdrückt und benachteiligt, was bis heute anhält. Immerhin umfassen die Szekler, wie sich die Ungarn in Rumänien nennen, etwa 1,2 Millionen Menschen. Selbst der rumänische Staatspräsident Klaus Iohannis war sich 2020 nicht zu schade, die Muttersprache der Ungarn zu verhöhnen. Nicht hilfreich in diesem Konflikt ist auch die Festlegung des rumänischen Nationalfeiertags auf den 1. Dezember, dem Tag, an dem die Weichen für den rumänischen Gebietszuwachs gestellt wurden. Mehr noch, in Rumänien werden Stimmen laut, den Nationalfeiertag triumphal auf den 4. Juni zu verlegen, den Tag, an dem der verhängnisvolle Trianon-Vertrag unterzeichnet wurde, und der von der ungarischen Minderheit alljährlich als Tag der Trauer im heutigen Rumänien begangen wird. 

Staatspräsident Klaus Iohannis war es auch, der dem Auslöser der rumänischen Revolution von 1989, dem ungarischen Pfarrer László Tőkés und Leiter der Gemeinde der reformierten ungarischen Kirche in Timișoara den Verdienstorden aberkannte, der ihm aufgrund seiner Kämpfe um die Ablösung Ceaucescus verliehen worden war. László Tőkés hatte offen über die untragbaren Zustände in Rumänien gepredigt, als in Ungarn die Wende bereits vollzogen war. Ihm drohte ob seiner Unbotmäßigkeit die Zwangsversetzung in eine andere Gemeinde, dessen er sich samt seiner Gemeindemitglieder widersetzte. Er sagte: "Ceaușescus Plan, die Dörfer zu systematisieren, war für mich und viele andere der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. 7.000 Dörfer sollten zerstört werden. Das konnte ich als Christ nicht akzeptieren. Das ließ mich die Mauer des Schweigens brechen....Für mich war der Protest damals alternativlos. Aber mir war klar, wenn wir nicht gewinnen, würde das – ich will nicht pathetisch werden – unseren Tod bedeuten. Und unsere Hoffnungen waren nicht groß. Ein paar Tage vorher, am 14. Dezember, war Ceaușescu ja wiedergewählt worden, unterstützt von allen Kirchenführen, auch meinem Bischof.“

Der Pfarrer wurde schließlich von der Securitate abgeholt, aber die Proteste in Timișoara sprangen von seiner Gemeinde auf die gesamte Stadt über, wurden zum Protest gegen Ceaucescu und weiteten sich schließlich auf das gesamte Land aus. Dem Pfarrer wurde später allerdings übel mitgespielt: er muss Prozesse gegen post-kommunistische Verleumder führen, die behaupten, er sei CIA-Spion gewesen. Er muss auch gegen staatlich rumänische Anschuldigungen prozessieren, dass er den Separatismus fördere. Darauf gründet sich die Aberkennung seines Verdienstordens. Dennoch ist er heute nicht nur Pfarrer, sondern sogar Bischof, EU-Parlamentarier, Universitäts- und Parteigründer und unerschrocken wie je. 

Timișoara behaust heute etwa 320.000 Menschen in großer ethnischer Komplexität und erfuhr in den letzten Jahrzehnten einen großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Sie ist nach Bukarest und Sibiu (ehemals Hermannstadt) die erfolgreichste rumänische Stadt. Einen nicht unerheblichen Beitrag dazu leistete sicherlich die günstige Lage und der zunehmende Austausch vor allem mit Italien, Ungarn und den deutschsprachigen Ländern. Die meisten der alteingesessenen Einwohner befleißigen sich einer auch im Alltag praktizierten Mehrsprachigkeit: sie sprechen meist Rumänisch, Deutsch, Ungarisch und oft auch noch Serbisch. So dürfte sich sogar Tarzen, alias Johnny Weissmüller, heute noch in seiner Geburtsstadt verständlich machen können, obwohl das Temeswarer Deutsch deutlich Wienerisch geprägt ist.
Timișoara, Tarzan und Trianon Published on 3/7/23 6:23 PM

Text siehe oben
Bild oben: Johnny Weissmüller als Tarzan
Rechts unten: Timisoara heute
Links unten: Ungarn vor dem Vertrag von Trianon

Das Trianon-Trauma

Published on 11/11/20 1:38 PM         

A János bácsi, magyar földműves, élvezi az éjszakai sárgabarack pálinkát és boldogan lefekszik. 
Auf Deutsch: Onkel Hans, ungarischer Bauer, genießt seinen allabendlichen Marillenschnaps und geht zufrieden ins Bett. 

Am nächsten Morgen, es ist der 4. Juni 1920, erwacht János bácsi in einem anderen Land, ohne sein Bett und seinen Traum verlassen zu haben. Mit einer aufgezwungenen Unterschrift unter einen verhängnisvollen Vertrag im Grand Trianon-Schloss in Versailles verlieren an diesem Tag Millionen Menschen über Nacht ihren Lebenstraum, ihre Heimat. Die entwurzelten Ungarn vor allem werden zu verfolgten Minderheiten, die auch heute noch, hundert Jahre später, unter den Folgen zu leiden haben.
  
Unter Protest auf Französisch, Englisch und Italienisch hatte Graf Albert Apponyi, Chefunterhändler des besiegten Ungarns, den harschen Bedingungen des Friedensvertrages zustimmen müssen, infolgedessen das Königreich Ungarn von 282.000 km2 auf 93.000, und seine Bevölkerung von 18,2 Million auf 7,6 Millionen schrumpfte. Unter den 10,6 Millionen Menschen, die sich plötzlich in einem anderen Land wiederfanden, waren 4,3 Millionen Ungarn, die übrigen waren vor allem deutscher Abkunft, aber auch Slovaken und Tschechen. Ungarn mußte u.a. ab 1921 auch mehr als 30 Jahre lang Reparationen zahlen. Damit war Ungarn der größte europäische Verlierer des ersten Weltkrieges. Zum Vergleich: Deutschland verlor etwa 20% seines Territoriums.  Bekanntermaßen wurde in den Pariser Friedensverhandlungen nach Kriegsende die gesamte Welt neu aufgeteilt und somit die Weichen gestellt für nachfolgend verhängnisvolle geopolitische Entwicklungen. 

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass zum erstenmal in der Geschichte die Kriegsverlierer zu den eigentlichen Friedensverhandlungen nicht eingeladen waren. Ihnen wurden die fertigen Verträge letztendlich nur zur Unterschrift vorgelegt. Dem Verlierer Ungarn stand der größtmögliche Gewinner gegenüber: Rumänien. Schon während der Verhandlungen zwischen Kriegsende 1918 und Vertragsunterzeichnung 1920 profitierte Rumänien von den chaotischen Zuständen in Ungarn, das die Monarchie zugunsten einer Demokratie beendet hatte und unter ständig wechselnden Regierungen litt, darunter einer 6-monatigen Machtübernahme durch den Kommunisten Béla Kun. Die rumänische Armee marschierte immer wieder in Ungarn über die Waffenstillstandslinie hinweg ein, zerstörte und plünderte dort, was das Zeug hielt, übte auch mit Hilfe der rumänischen Königin Druck auf die vier Alliierten Verhandlungspartner aus und weigerte sich, erobertes Territorium wieder zu verlassen – sehr zum Mißfallen vor allem der Amerikaner und Briten, die sich aber außerstande sahen, dies zu unterbinden. Somit entstand ein nicht rückgängig gemachter fait accompli. Das Ziel der Alliierten Friedensstifter im Zusammenhang mit Ungarn war eine Neuordnung von Zentralosteuropa, um vor allem den Franzosen Sicherheit vor den Deutschen zu sichern und um die Ausbreitung der bolschewistischen russischen Revolution zu verhindern, die bereits begonnen hatte, Nachahmer z.B. in Deutschland und in Ungarn unter Kun zu finden. Ungarn musste dabei über die schärfste Klinge springen, und Rumänien bekam ganz Transsylvanien/Siebenbürgen mit  103,093 km2  Fläche und rund 1,7 Millionen Ungarn zugeschlagen. 
 
   Auf einer Konferenz zum Thema an der Universität von Toronto, die wegen der Corona-Pandemie vom Juni auf den 15. Oktober 2020 verschoben werden musste und der die Autorin beiwohnte, wurden die Gründe und die bis heute andauernden verheerenden Nachwirkungen dieses Vertrages besprochen, die das 1100-jährige Königreich Ungarn dezimierte und traumatisierte. Ausgiebig behandelt wurde die Frage, warum die Prinzipien des amerikanischen Präsidenten Woodroff Wilson, einer der vier maßgeblichen alliierten Friedensstrategen, im Falle Ungarns – und auch im Falle Deutschlands - nicht angewendet wurden, wonach die Überstellung von ethnischen Volksgruppen unter fremde Herrschaft ohne Selbstbestimmungsrecht nur schwere Probleme bereiten konnte. 

Eine Theorie geht dahin, dass Clemenceau, der französische Premierminister, die vierwöchige Abwesenheit Wilsons während der Verhandlungen ausnutzte, um eigene Interessen durchzusetzen: Deutschland höchstmögliche Reparationen zum Ausgleich französischer Verluste in Nordafrika aufzuzwingen, und Deutschland wirtschaftlich unwiderruflich in die Knie zu zwingen. Ungarn betreffend, war Clemenceau ein erklärter Feind dieses Volkes, was sich sicherlich auch aus seiner tiefen Abneigung gegenüber seiner aufmüpfigen, tief national gesinnten ungarischen Schwiegertochter speiste. 

Das generelle Durcheinander während der Verhandlungen, die ohne nachhaltige gemeinsame Strategie geführt wurden, tat ein übriges. Der kumulative Effekt des Trianon-Vertrages wie auch aller anderen Friedensverträge, die damals in Paris geschlossen wurden, war größer und oftmals ganz anders als geplant, durchsetzt von Widersprüchen, Notlösungen und faulen Kompromissen, die indirekt die Völker im Laufe der Jahrzehnte in neue, schwerste Verheerungen stürzten.  

Auf der Konferenz von Toronto kamen neben namhaften Professoren auch junge Zeitzeugen zu Wort, die über die gegenwärtige Situation ethnischer Ungarn im heutigen Transsylvanien, in Transkarpatia und in der Ukraine berichteten: Vor allem in Rumänien, wo heute noch 1,2 Millionen Ungarn leben, schlägt ihnen offener Hass entgegen, ihre Volksgruppe wird dämonisiert und diskriminiert, ihre linguistischen Rechte mit Füßen getreten, ihre kulturellen Einrichtungen zerstört und beschädigt, ihre beruflichen Möglichkeiten beschnitten. Wenn sie ungarisch sprechen, werden sie nicht beachtet, im Restaurant oder auf der Behörde nicht bedient. Junge Ungarn als Angehörige einer ethnischen Minderheit fühlen sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt. 

Einzig Serbien hat 2003 die kollektiven Rechte seiner ungarischen Minderheit gesetzlich geregelt. Es bedarf einer Mobilisierung einflußreicher Kräfte in Europa, um diese unhaltbaren Zustände vorwiegend in Rumänien, aber auch in der Ukraine zu beenden, es bedarf regionaler Zusammenarbeit und der Etablierung autonomer ungarischer Regionen. Denn der Vertrag von Trianon hat Ungarn zwar zersplittert, hat aber die Ungarn in den abgetrennten Gebieten auch ein Jahrhundert später nicht ihrer Identität und ihres nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls berauben können. Trotzdem, und darin waren sich alle Konferenzteilnehmer einig, gibt es unter den Ungarn in der Diaspora keine ernstzunehmenden revisionistischen Bestrebungen mehr, keinen Wunsch nach Wiederherstellung der Grenzen des tausendjährigen Königreichs Ungarn. Dennoch, glücklich schlafen werden sie erst, wenn sie das kollektive Trauma dahin korrigiert sehen, dass sie in ihren neuen Heimatländern als Minderheit anerkannt und mit allen damit einhergehenden Rechten der Mehrheit gleichgestellt werden. Und der eine oder die andere wird diese Hoffnung nach Vorbild des alten János bácsi sicher gelegentlich mit einem leckeren sárgabarack pálinka begießen. 
 

Landwirtschaft als erste aller Künste

First published on 3/2/21 10:25 PM in “Das Echo” 

Haben Sie heute Morgen Ihr Frühstücksei genossen, Ihr Brot, Ihren Käse, die Milch überm Müsli? Freuen Sie sich auf die nächste Mahlzeit, deren Zutaten quasi im Supermarkt wachsen und von dort in den Kochtopf wandern? Denken Sie beim Biss ins knusprige Brötchen auch nur ansatzweise daran, dass die ununterbrochene Zufuhr aller essbaren Köstlichkeiten eventuell in Gefahr sein könnte oder daran, dass die Landwirtschaft zum Schlachtfeld einer mehr oder weniger verdeckten Kriegsführung gegen Bauern, deren Lebens- und Produktionsweise,  gegen hergebracht stabile Strukturen zugunsten riesiger Konglomerate und einiger weniger Personen geworden ist?

In Frankreich nimmt sich offiziellen Erhebungen zufolge alle zwei Tage ein Bauer das Leben, in der Schweiz liegt das Suizid-Risiko von Bauern um 37% höher als in der übrigen Bevölkerung. In Deutschland werden die täglich 27 Selbstmorde nicht nach Berufsbranchen aufgeschlüsselt, aber wenn man bedenkt, dass hier jeder fünfte Hof pro Jahr aufgegeben wird, sind schlimme Konsequenzen naheliegend. In den USA ist das Nettoeinkommen landwirtschaftlicher Betriebe seit 2013 um 30% zurückgeganen. Die Lage in Kanada ist ähnlich. Im zweitgrößten Land der Erde umfasst fruchtbares Ackerland nur etwa 10% der Landmasse, von denen 98% von bäuerlichen Familienunternehmen bewirtschaftet werden, von zuletzt 271.935 familiengeführten Farmen. Jedes Jahr aber werden tausende solcher Farmen in große Unternehmen absorbiert, so dass mittlerweile über 50% landwirtschaftlicher Erträge von nur 2% riesiger Betriebe stammen. In Europa, auf die gesamte EU bezogen gehen pro Jahr 400.000 Bauernhöfe verloren, das sind mehr als 1.000 jeden einzelnen Tag. Woran liegt diese besorgniserregende Entwicklung?

Häufig geben Bauern ihre Arbeit auf, wollen junge Leute nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten, denn den wirtschaftlichen Druck verbunden mit harter Arbeit hält nicht jeder aus, alternde Bauern ohne interessierte Erben schon gar nicht.

Ackerland geht verloren, weil Bauern wegen hoher Produktionskosten, Pachtzins, Kosten-Preis-Druck ihre Höfe an Grundstücksspekulanten für den Bau von immer mehr Wohnraum oder für den bodenzerstörenden Nutzen als Standort für Windkraft-, Photovoltaik- oder Biogasanlagen verkaufen oder verpachten müssen. Als Gegenmaßnahme fordert z.B. die kanadische NFU (National Farmers Union) u.a. ein Verbot nicht-landwirtschaftlicher Nutzung von Ackerland. 
In Deutschland ist heute Energiemais mehr wert als Brotweizen, ist Gülle kostbarer als Milch, da beides in Biogasanlagen verstromt wird und so konkurrenzlos hohe Preise erzielt.

Es wird auch aus anderen Gründen immer unrentabler, in Deutschland selbst pflanzliche Nahrungsmittel zu produzieren, da inzwischen etwa 81% davon importiert und einstmals stabile bäuerliche Strukturen zum Vorteil finanzstarker weniger, nicht selten ausländischer Unternehmer, zerstört werden. Der Import ist billiger, wie z.B. der von Soja zur Produktion tierischer Lebensmittel. Pro EU-Bürger werden heute jährlich etwa 70 Kilo Soja aus Südamerika unter Umgehung des europäischen Grenzwerts für das krebserregende Glyphosat eingeführt. Der EU-Grenzwert beträgt 0.05 mg/kg, die in Brasilien erlaubte Menge beträgt 10 mg/kg. Wenn man den EU-Maßstab anlegte, dürfte man überhaupt kein Soja mehr einführen, und dann lohnte sich auch wieder der Anbau von in Europa einstmals weitverbreiteten Futterpflanzen wie Lupinen, Erbsen oder Ackerbohnen. Die Umwelt, die Bodenqualität und die Bauern würden davon profitieren. 

Unter ständig höherem Druck stehen wegen des niedrigen Milchpreises auch die europäischen Milchbauern, denn 28 bis 36 Cent pro Liter sind nicht genug, um kostendeckend zu wirtschaften oder die Bankdarlehen zurückzuzahlen. Die Bauern geben auf – alle zehn Jahre etwa die Hälfte der deutschen Milchviehbetriebe – oder müssen sich immer weiter vergrößern, um immer mehr Milch immer kostengünstiger zu produzieren.  Der Preisdruck geht von wenigen Großkonzernen aus, denn der Milchüberschuss wird getrocknet und als Milchpulver von den global konkurrierenden Großmolkereien so billig in Entwicklungsländer exportiert, dass die lokalen Milchproduzenten nicht mithalten können. So zerstört man die Lebensgrundlage von kleinen bäuerlichen Familienbetrieben in den produzierenden wie den Importländern.

Heutigentags muss ein Bauer neben seinem landwirtschaftlichen Wissen auch noch über Expertise in Sachen Dokumentations- und Büromanagement, Steuerrecht, Betriebswirtschaft und Marketing verfügen. Dabei ist die vielgepriesene Digitalisierung oftmals nur ein weiterer Mühlstein um seinen Hals. Zwar werden die Daten der maschinell oder mit Drohnen durchgeführten Arbeiten auf dem Hof zentral gespeichert, und der Landwirt kann die Abläufe über Computer überwachen und steuern. Aber die datensammelnden Großkonzerne bekommen damit ein Druckmittel in die Hand, denn sie können unter Vorgabe der notwendigen Optimierung faktisch festlegen, was, wieviel und wie der Landwirt anbaut, mit welchem Saatgut, mit welchen Maschinen.

Einer dieser Konzerne ist das Agrochemieunternehmen Bayer, das dem Landwirt vorschreibt, welche technischen Neuerungen er einzusetzen hat, anstatt diese Entscheidung ihm selbst zu überlassen. 

Ackerland dient auch als lukrative Geldanlage branchenfremder Investoren. In Ostdeutschland gehört heute mehr als 34% fruchtbaren Ackerlands solchen Anlegern, u.a. einer Vermögensgesellschaft des Discounters ALDI. So treibt man die Bodenpreise immer weiter in die Höhe, und als Folge können sich die Bauern das Land nicht mehr leisten. Der kleine Bauer soll und wird als kleines, unselbständiges Rädchen in einem großen Getriebe aus Großkonzernen der Chemie und Maschinen, der Nahrungsmittelverarbeitung und –vermarktung und der Banken auf- und untergehen, somit die gesamte herkömmliche Landwirtschaft. 

Aber die Bauern waren immer schon das Spiegelbild einer ganzen Gesellschaft, sie müssen frei und unabhängig bleiben, damit wir alle frei bleiben können, auch frei in der Entscheidung, natürlich erzeugte Lebensmittel zu konsumieren um unserer Gesundheit willen. Friedrich der Große, König zwar, aber einer mit Durchblick, hatte die immense Bedeutung der Agrokultur schon seinerzeit erfasst, als er sagte: „Die Landwirtschaft ist die erste aller Künste, ohne sie gäbe es keine Kaufleute, Dichter und Philosophen. Nur das ist wahrer Reichtum, was die Erde hervorbringt.“ So gesehen müsste der Berufstand des Bauern der höchstbewertete überhaupt sein, denn ein Bauer produziert wertvolle Lebensmittel, schafft Werte und pflegt die Kulturlandschaft. Statt dessen werden die Bauern überall auf der Welt im Namen von Gier und sogenanntem Fortschritt in die Knie gezwungen, wird Ackerland auf immer zerstört und vernichtet, ausgelaugt und zweckentfremdet zum Nutzen internationaler Großkonzerne und einzelner Spekulanten. 

Wie ist dem gegenzusteuern? Fachleute empfehlen die Etablierung von regionalen Wirtschaftsabläufen mit Beteiligten, die einander kennen und vertrauen, eine Verbindung von Konsumenten mit familienbetrieblichen, kleinbäuerlichen Erzeugern, die ohne Druck umwelt-  und gesundheitsverträgliche Nahrungsmittel produzieren und über kurze Transportwege verkaufen können. So verhindert man das Höfe- und Bauernsterben und erhält man menschenfreundliche Landwirtschaft. Denn wenn die Landwirtschaft erodiert, so sagte schon Bismarck sinngemäß, bricht auch der Staat zusammen.


GEHÖRNT IST BESSER

(Der folgende Text wurde zuerst am 11.4.2018 in „Das Echo“ publiziert)

Hat auch Sie das mildere Wetter zu Spaziergängen oder Wanderungen durch Wald und Feld animiert? Vielleicht sind Sie dabei auch an Bauernhöfen vorbeigekommen, auf deren Grasflächen nach langen Wintermonaten im Stall eine Herde schwarzbunter oder milchkaffeebrauner Rinder weideten. Haben Sie sich diese Kühe mal genauer angeschaut und ist Ihnen dabei etwas aufgefallen? Nicht? Alles ganz normal: träge wiederkäuende oder grasrupfende Tiere eben. Aber Moment mal, irgendwas fehlt doch, Kühe tragen doch eigentlich Hörner, oder? Ja, im Prinzip schon, aber in der Realität eben nicht.

Denn Hörner stören. Allerdings nur den Bauern und vor allem die kostengünstige Haltung, wobei pro Tier nur ein absolutes Minimum an Platz bereitgestellt wird, wobei natürliches Verhalten die Effizienz als Nutztier wesentlich senkt, wobei man davon ausgeht, fälschlicherweise übrigens, dass die Verletzungs- oder Unfallgefahr für Mensch und Tier bei horntragenden Kühen größer sei.
Also wird bei Kuh und Stier zugunsten höchster Erträge auf kleinster Fläche das Wachsen ihrer Hörner unterbunden:

Einige Minuten nach der Geburt wird das Neugeborene von der Mutter getrennt,
in einem winzigen Verschlag untergebracht und bis zur Entwöhnung fortan per Zitzenimitation ernährt. Etwa ein bis zwei Wochen später, in Kanada oft direkt noch am Tag der Geburt, kommen die Männer mit den rotglühenden Eisen, fixieren den Kopf und drehen den 800 Grad heißen Kolben erst auf einer Stirnseite durch das Gewebe hinein in die junge Schädeldecke, dann auf der anderen. Das resultiert in einem tiefen Loch auf jeder Stirnseite, durchtrennten Nervensträngen und der vollständigen Entfernung jener knospenartigen Ansätze, aus denen später Hörner gewachsen wären.
Wahlweise wird die Hornanlage auch ausgestanzt, mit speziellen Zangen herausgeschnitten oder verätzt, wobei man Letzeres in Deutschland nicht mehr anwendet, weil die dafür benötigten Chemikalien mittlerweile verboten wurden.
Ist das Kalb noch weniger als 41 Tage alt, wird eine Lokalanästhesie und Schmerzregulierung zwar empfohlen, ist aber nicht zwingend erforderlich, genauso wenig wie die Durchführung dieser Prozedur durch einen Veterinär, wobei in Kanada seit 2009 und in Deutschland seit 2016 zumindest Beruhigungsmittel sowie eine postoperative Schmerzbehandlung gesetzlich festgeschrieben sind.
In Österreich hingegen dürfen seit Oktober 2017 auch Tiere unter sechs Wochen nur noch unter Anwendung von Sedierung, örtlicher Betäubung und anschließender Schmerzbehandlung enthornt werden.

Als Alternative zu diesen brutalen Methoden wird immer häufiger die Züchtung hornloser Kühe unter Einbeziehung genetisch hornloser Stiere diskutiert, allerdings sind die Nachkommen solcher Stiere bislang hinsichtlich Milchleistung, Fleischqualität oder gesundheitlicher Fitness noch nicht unbedingt in der gleichen, hochgepeitschten Leistungsliga wie herkömmlich enthornte Rinder.

In Deutschland, Kanada und der Schweiz haben ca. 90% aller Kälber diese schmerzhafte, den Tieren angsteinflößende Prozedur über sich ergehen lassen müssen, und selbst in Biobetrieben sind es noch 70%. Sie werden somit laut entsprechender Studien und Erfahrungen anders handelnder Bauern in ihrem Sozialverhalten lebenslang beeinträchtigt. Der deutsche Ökolandbauverband Demeter, der einzige neben dem Bioland-Verband, der die Enthornung gleich welcher Methode kompromisslos untersagt, informiert darüber, dass das Horn einer Kuh als lebendiges, gut durchblutetes Organ in Form und Größe individuell und einizigartig sei, wie der Fingerabdruck eines Menschen. Man könne an den Ringen im Horn sogar die Anzahl der geborenen Kälbchen ablesen. Eindrucksvoll wird geschildert, wie Kühe ihre Hörner als Kommunikationsmittel untereinander, als Körperpflegewerkzeug, Stimmungsbarometer und Wärmeaustauscher einzusetzen wissen.

In diesem Sinne argumentiert auch der 65 Jahre alte Schweizer Bergbauer Armin Capaul, der seit vielen Jahren Sturm läuft gegen die Enthornung von Kühen und es 2017 mit seiner „Hornkuh-Initiative“ geschafft hat, weit über 150 000 Unterschriften für eine Abstimmung zu sammeln. Seine Initiative möchte keine Verbote, sondern finanzielle Anreize für jeden Bauern, dessen Kühe ihre Hörner tragen dürfen. Seine Vorschläge würden sich nicht nur auf Milch- oder Fleischkühe, sondern auch auf Zuchtstiere und Ziegen erstrecken. Zwar lehnte der Schweizer Ständerat die Initiative ohne Gegenvorschlag ab und begründete seine Haltung mit ungerechtfertiger Einflussnahme in die Schweizer Wirtschaft, aber dies ist noch lange nicht das Ende des rebellischen Feldzuges eines Rock’n Roll-begeisterten alt-68er Alm-Öhis gegen eine tierquälerische Praxis. Denn das gesamte Schweizer Wahlvolk, also etwas über 5 Millionen Eidgenossen, wird 2018 zu einem noch zu bestimmenden Zeitpunkt aufgerufen, über diese Initiative in einem Referendum direkt abzustimmen.

Solch eine flächendeckende Volksbefragung kostet sehr viel Geld, und nachdem Armin Capaul bereits sein gesamtes Vermögen in diesen Feldzug gesteckt hat, baut er nun auf Spendenfinanzierung.

In den USA erfasst die Enthornung 80% der Milchkühe und 25% der Fleischkühe, wobei es keine föderalen Richtlinien zur Methodik gibt. Ganz unabhängig von der Methode jedoch stimmen die Fachleute in Nordamerika wie in Europa und Australien darüber überein, dass die Entfernung der Hornanlage in jedem Fall traumatisch und akut schmerzhaft ist für die Tiere. Die Meinungen gehen jedoch weit auseinander, was die Notwendigkeit einer solchen Prozedur betrifft.

Wäre es nicht in jedem Falle wünschenswerter, demnächst unverstümmelte Tiere auf den Viehweiden und in Kuhställen auf gleich welchem Erdteil zu wissen? Denn damit einher ginge dann auch mehr Platz, der den Kühen in den Ställen zum Leben eingeräumt würde – ein weiterer Schritt in Richtung einer Viehwirtschaft, die den Bedürfnissen der Tiere gerechter wird.

Das Horn ist außerdem von Alters her in der westlichen Kultur ein Symbol für Fülle, Reichtum, Vitalität und Kraft, das Gefäß, aus dem die Göttin Fortuna ihre guten Gaben über uns ergießt. Ihres war allerdings das der Ziege, die den späteren Gottvater Zeus gesäugt hat. Aus Dankbarkeit machte dieser das versehentlich abgebrochene Horn zu einem immerwährenden Quell all dessen, was seine wechselnden Besitzer begehrten.

Ob Rind oder Ziege, auch unsere Nutztiere verdienen körperliche Unversehrtheit und ihre schönen Hörner auf den Köpfen, was Armin Capaul, der unbeugsame Schweizer Bergbauer, womöglich bald schon in der Verfassung seines Landes verankert sehen könnte.


Nachtrag im Juni 2024: Armin Capaul war nicht erfolgreich in seinen Kampagnen, dennoch gibt er nicht auf.




Von saftigen Pfirsichen, europäischer Kultur und samtweichem Wasser
 
Published on 5/1/23 5:32 PM


Was haben farbenfrohe Sommerpullis, Pepsi Cola, die Daily News, und saftige Riesenpfirsiche gemeinsam? Auf des Rätsels Lösung könnte nur jemand kommen, der zu DDR-Zeiten Kind war und Teile der Sommerferien im Paradies verbringen durfte. Das Paradies zu jener Zeit war Ungarn, speziell der Balaton, zu Deutsch der Plattensee. Denn dort war all das in Hülle und Fülle vorhanden, was man als DDR-ling allenfalls aus Westpaketen kannte, die zu Geburtstagen oder zu Weihnachten verlässlich eintrafen und das ganze Jahr über vorfreudig erwartet wurden.

Die Sonne an den Badeorten am Balaton schien heller, man atmete freier, man konnte als Einsteiger in den fremdsprachlichen Englischunterricht doch tatsächlich westliche Zeitungen lesen, wie eben die Daily News, täglich frisch gedruckt für die des Ungarischen nicht mächtigen außerdeutschen Touristen und Vorläuferin der erst 2013 neu erstandenen Zeitung gleichen Namens, aber unterschiedlicher Ausprägung. Welch unerhörter Luxus!

Genau wie die sommerlichen Märkte in den Badeorten rings um den See, vor allem in Siofok, wo man herrlich bunte Pullover kaufen konnte. Und modisch waren sie noch dazu. Es gab italienisches Gelato, und in Ausübung besonders westlich angehauchter Balatondekadenz kaufte man sich eine – nach DDR-Maßstäben teure - Flasche Pepsi, denn mit der Konkurrenz hatten die Ungarn damals offenbar keinen Vertrag. Aus heutiger Sicht und im Abstand von vielen Jahrzehnten ist es zwar recht unverständlich, dieses karbonisierte Zuckerwasser so begehrenswert finden zu können, aber damals war es der Inbegriff von Freiheit und Sommerferienfreude in der „attraktivsten Baracke des sozialistischen Lagers“.

Auf den Märkten bogen sich die Verkaufstische unter erntefrischem Obst und Gemüse, und die dort genossenen, super saftigen, weißfleischigen großen Pfirsiche wurden der Standard, gegen den ich noch heute jedes Exemplar dieses Obstes messe.

Dies alles verblasste allerdings hinter der Möglichkeit, am Balaton westliche Menschen quasi in freier Wildbahn zu begutachten, gar mit solchen sprechen zu können, mit ihnen Spaß zu haben und Freundschaften zu schließen und dabei festzustellen, dass die deutsche Sprache ungeahnte oder komplett unverständliche Varietäten birgt.

Vor allem, wenn man den besonders zahlreich vorkommenden kuriosen Österreichern begegnete, die in im Osten nie gesehenen Autos anreisten und in einem naiven DDR-Schulkind den – falschen - Eindruck erweckten, ungeheuer reich zu sein.

Seither mag sich viel geändert haben, aber eins ist mit Sicherheit gleich geblieben und sogar gewachsen: der Balaton als beliebter Urlaubsort, vor allem für Deutsche oder Deutschsprachige. Mit einer Fläche von 594 km² (58 km² mehr als die des Bodensees) ist der Plattensee mit seinem tatsächlich samtweichen Wasser das größte Binnengewässer Mitteleuropas. Er hat eine charakteristisch geringe Tiefe von durchschnittlich nur 3,25 m. Seine tiefste Stelle misst ganze 12,5 m. Er wird nach Süden hin tiefer, während man am Nordufer oft lange durch schilfbestandenes Wasser watet.

Die gesamte Balatonregion, insbesondere aber die Stadt Veszprém, 15 km nördlich des Sees gelegen, fungiert heuer als die dritte im Bunde der Europäischen Kulturhauptstädte von 2023. Über Veszprém liest man auf den Seiten von www.wirreisenwieder.at Folgendes:

Majestätisch thront die Stadt Veszprém mit der charakteristischen mittelalterlichen Burg auf der Hügellandschaft unweit des Balaton, eingebettet in das Outdoor-Paradies Bakonywald, die beliebte Weinregion Balaton-felvidék und die ungarische Tiefebene von Mezőföld. Sie ist nicht nur Ungarns höchstgelegene Provinzhauptstadt, sondern auch eine der ältesten und bedeutendsten Städte des Landes. Denn dem Erzbischof von Veszprém oblag es im Mittelalter, die ungarischen Königinnen zu krönen - wie etwa die bayerische Herzogstochter Gisela, die mit ihrem Ehemann König Stephan dem Heiligen als das erste royale Paar in die Geschichte Ungarns einging. Gisela liebte die Stadt, und die Gründung der Basilika ist eng mit ihrem Namen verbunden. Außerdem ist Veszprém Universitätsstadt. Das hat der Stadt schon seit dem Mittelalter neben Tradition auch junges, modernes Leben beschert. „In den vergangenen Jahren hat sich in Veszprém eine bunte Lokalszene etabliert,” erzählt Balázs Kovács. Wer durch Veszprém spaziert, genießt hier die entspannte Atmosphäre mit internationalem Touch.

Das Städtchen oder "Die Stadt der Königinnen" mit heute etwa 60,000 Einwohnern konnte sich gegen die nationalen Konkurrenten Debrecen und Györ siegreich behaupten. Es glänzt mit einem gemütlich anmutenden barocken Kern, ist am Rand des Bakony-Waldes auf fünf Hügeln angelegt und war bislang durch seine zahlreichen Musikveranstaltungen auch überregional bekannt.

Diesen kulturellen Aspekt möchte man nun mitsamt dem kulinarischen und vor allem dem vinikulturellen stark ausbauen: am hügeligen Nordufer des Balatons baut man so manchen Spitzenwein an, vor allem solche aus der Welschriesling-Traube.

Insgesamt erliegt man rings um den Balaton leicht und seit jeher dem zeitlosen Charme einer uralten Kulturlandschaft, deren administrative Dirigenten sich jetzt vereint eine mehrsträngige Neuausrichtung dieser „Erlebnisregion“ verordnet haben: von verstärkter Innovation und Digitalisierung und Weiterentwicklung zur „familienfreundlichen Destination“ über nachhaltige Landschaftsprojekte und „verstärktem Dialog der verschiedenen Kulturen und Volksgruppen“ bis hin zum Ausbau der Gesamtregion zur „Ganzjahres-Destination mit Kultur-und Genussprogramm in allen Jahreszeiten“.

Man möchte also die schwankenden Touristenströme, die fast ausschließlich in den Sommermonaten fließen, ganzjährig einhegen, wobei man eben auf kulturelle Attraktionen setzt. 200 spezielle Projekte und 3,000 Veranstaltungen im Jahr 2923 sollen dies ermöglichen. Bei vielen und immer mehr Deutschen rennt man damit bereits offene Türen ein, denn seit dem Mauerfall hat sich der Balaton als relativ nahegelegenes Ziel sommerlicher Badefreuden eher verstärkt empfohlen, und das 6000-Einwohnerstädchen Héviz etwa 6 km nordwestlich des Plattensees nahe Keszthely ist schon seit römischen Zeiten auch und vor allem im Winter ein Besuchermagnet mit ca. 900,000 Heilung suchenden Touristen jährlich.

Héviz liegt am gleichnamigen größten natürlichen Thermalsee der Welt. Dieser See umfasst 4,6 ha und wird von einer schwefel-, radium- und mineralhaltigen Quelle aus 38,5 m Tiefe mit einer Aufstiegstemperatur von 40°C gespeist. Sein Wasser tauscht sich innerhalb von 72 Stunden vollständig aus. Es ist gleichermaßen reich an gelösten wie gasförmigen Stoffen und vereint die wohltuenden Eigenschaften von kohlensäure-, schwefel-, kalzium-, magnesium- sowie bikarbonathaltigen Heilgewässern. Die Oberflächentemperatur liegt auch im kältesten Winter nie tiefer als 23°C und im Sommer bei etwa 36°C. Sowohl mit dem Schlamm als auch dem Wasser des Sees lassen sich die verschiedensten Zipperlein nachweislich heilen, allerdings wird beim Baden empfohlen, sich nur maximal 30 Minuten am Stück vom warmen Wasser umspülen zu lassen.

Abseits all dieser und vieler anderer kulturhauptstädtisch begründeter staatlicher Anstrengungen, insbesondere die Balatonregion besser in den Fokus positiver internationaler Aufmerksamkeit zu rücken, wird diese Gegend zunehmend zur neuen Heimat von immer mehr Deutschen, die ihrem Geburtsland den Rücken kehren und sich in Ungarn in der Hoffnung auf ein politisch und bürokratisch freieres, finanziell günstigeres, von ursprünglichen Europäern geprägtes Leben permanent ansiedeln.

77 Jahre nach Beginn der brutalen Vertreibung der seit mehr als 200 Jahren in etwa 800 deutschen Dörfern Ansässigen kehren diese, bzw. ihre Nachkommen oder andere Landsleute, nach Ungarn zurück, völlig ungeachtet der wirtschaftlichen Probleme, die dem Land unter Victor Orbán auch aufgrund seiner zunehmenden Isolation von der EU aufgezwungen werden. Deutsche stellen die größte ethnische Gruppe in Ungarn mit derzeit etwa 250,000, davon etwa 40,000 neue deutsche Einwanderer mehrheitlich ohne ungarischen Pass.

Die langjährigen Ungarndeutschen werden unter der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) verwaltet. Bei der Parlamentswahl in Ungarn von 2018 erreichte die aufgestellte Liste der LdU ausreichend Stimmen für ein Parlamentsmandat, und der Ungarndeutsche Emmerich Ritter wurde Vertreter der Ungarndeutschen im Parlament.

Die neuerdings und derzeit einwandernden Deutschen sind mehrheitlich Rentner und konservativ. 2021 überwies die Deutsche Rentenversicherung 5398 Empfängern ihre Bezüge nach Ungarn, fast 25 Prozent mehr als noch fünf Jahre vorher, Tendenz steigend.
Die Neusiedler profitieren von vielerorts noch erschwinglichen Immobilienpreisen, niedrigen Steuern und Lebenshaltungskosten bei guter medizinischer Versorgung.

Das Preisniveau in Ungarn liegt laut Statistischem Bundesamt um 42 Prozent niedriger als in der Bundesrepublik. Die Quadratmeter­preise sind mittlerweile allerdings bereits um 10 bis 20 Prozent gestiegen. Die Familien der neuen Umsiedler, sofern sie noch in Deutschland leben, werden wie eh und jeh nach der Ferienreise vom Wetter, vom freieren Atmen, von der schönen Landschaft, von der legendären ungarischen Küche samt ihren guten Weinen und nicht zuletzt von den eingangs erwähnten saftigen Riesenpfirsichen schwärmen, nachdem sie sorgendurchfurcht ins mehrheitlich tristere Deutschland zurückgekehrt sind – in ein Land, in dem die Altersarmut alarmierende Ausmaße annimmt.
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