Die Sizilianische Reise, V

Die Sizilianische Reise, V

Wednesday, March 18, 2026 Ätna Explosion Lava Weine vom Ätna

Vom feuerspeienden Berg, vom gehörnten Schmiedemeister und von unvergleichlichen Weinen

Man könnte glauben, er sei sich seiner Schönheit bewusst, wie auch seiner Dominanz und Allgegenwart im Leben Vieler: der attraktive, aber Respekt gebietende, circa 3,340 m hohe Ätna. Von den Einheimischen fast schon zärtlich der „Mongibello“ genannt, ist er seit alters her Wahrzeichen, Schicksalsberg und Sehnsuchtsort im Osten Siziliens. Schon immer war er Quelle vieler, bis heute erzählter Mythen, fruchtbaren Bodens und furchtbarer Katastrophen.

Der geheimnisvolle Ätna, wunderschöner Gipfel auf dem sagenumwobenen Sizilien zieht an vielen Orten der Insel unweigerlich den Blick von Ferne auf sich, wenn er - meist friedlich - seine helle Wasserdampfsäule in den Himmel aufsteigen lässt.

Sechshunderttausend Jahre soll er alt sein, der Ätna. Er ist ein Stratovulkan: die Bezeichnung setzt sich aus lateinisch stratum = Decke oder Schicht und Vulcanus, Name des römischen Feuergotts, zusammen. Das griechische Original für den römischen Vulcanus ist Hephaistos, der olympische Gott und sagenhafte Urheber feuerspeiender Ausbrüche des Vulkans.

Hephaistos, ein bei den olympischen Göttern sehr gefragter Kunsthandwerker und Schmied, hat im Ätna seine Werkstatt, ist dort pausenlos am Hämmern, Werkeln und Tun. Bekanntermaßen konnte er seine hinkende, verrußte Vierschrötigkeit durch absolute Genialität in Sachen metallurgische Produktion derart erfolgreich kompensieren, dass die schönste aller olympischen Göttinnen seine Frau wurde. Aphrodite allerdings war zwar beeindruckt, aber nicht dauerhaft, und so sucht sie ziemlich häufig außereheliche Abwechslung, was den treuherzigen Meister jedes Mal in wutentbrannter Verzweiflung veranlasst, das Feuer in seiner vulkanischen Schmiede auf geradezu höllische Höhen anzufachen, sodass es zur Explosion kommt. Dann wirft wirft der Ätna Asche, Gesteinsbrocken und Gase aus, und schließlich beginnt der Lavafluß.

Hephaistos/Vulcanos  in seiner Werkstatt tief im Innern des Ätna

Soweit die strikt unwissenschaftliche Erklärung für die typische Reihenfolge von Ereignissen bei einem Ausbruch des Ätna, die in einer wechselnden Abfolge von Asche- und Lavaschichten auf dem Vulkan resultiert.

Im Moment eines tatsächlichen Ausbruchs sind solche oder andere Erklärungen der Hintergründe allerdings wenig hilfreich. Dann gilt nur noch Kenntnis des Terrains, um die schnellstmögliche Fluchtroute nehmen zu können. Dies war wieder einmal eben am 2. Juni 2025 geboten, als die gerade am Gipfel weilenden Touristen von einem starken Ausbruch überrascht wurden – zwei Tage vor unserem eigenen geplanten Aufstieg.

“Ach du heiliger Strohsack....

.... er spuckt!“. Dieser und ähnliche Ausrufe des Schreckens waren an jenem 2. Juni 2025 auf dem Fährschiff von den vorwiegend deutschsprachigen Passagieren auf dem Weg vom sizilianischen Milazzo zu den Äolischen Inseln zu hören. Wir sahen unsere für 2 Tage später geplante Exkursion auf den höchsten aktiven europäischen Vulkan schon buchstäblich in Rauch aufgehen, beobachteten dennoch die enorme schwarze Säule, die dem Ätna entwich, fasziniert vom Tyrrhenischen Meer aus. Die Explosion hatten wir wegen des scharfen Windes und der Motorgeräusche nicht gehört, aber die sich immer mehr aufblähende riesige Wolke war vom Schiff aus gut sichtbar.

Wie wir später erfuhren, erreichte die Aschewolke eine Höhe von bis zu 6,5 km, gefolgt von einer Fontäne aus flüssiger Lava. Dann bewegten sich pyroklastische Ströme etwa zwei Kilometer weit die Bergflanke hinunter. Die feurige Lawine aus Asche, Gas und Gestein kam im Valle de Leone zum Stehen, ohne Schaden anzurichten. Die Gefahr war diesmal gering und es gab behördlicherseits auch keine Veranlassung, den Flughafen von Catania zu schließen.

Unser Bergführer

Dennoch erzeugte der bloße Anblick des feuerspeienden Berges ein leicht unbehagliches Gefühl in der Magengegend, das aber ebenso schnell verebbte, wie es entstand. Denn schließlich war der bevorstehende Besuch des Ätna einer der Gründe für meine gesamte Sizilienreise. Der Ätna stand seit vielen Jahren weit oben auf meiner Liste der zu besuchenden Orte, nicht zuletzt wegen seiner Lage auf dem wunderschönen, dem wunderbaren, dem einzigartigen Sizilien. Außerdem hörte ich öfter, allerdings aus zweiter Hand, Geschichten über Anwohner, die immer zuerst besenschwingend ihre Balkone zu reinigen hätten, bevor sie morgens ihren Espresso ohne Ätna-Asche Rückstand, aber mit wunderschönem Panorama genießen können, und wollte der Sache einmal selbst auf den Grund gehen.

Ausbruch des Ätna am 2.6.2026, von Catania aus gesehen

Der Ausbruch am 2. Juni 2025 also war zwar durchaus spektakulär, aber trotz des Spektakels eher begrenzt gefährlich, wie uns der Bergführer erklärte, als wir zwei Tage später tatsächlich in 3000 m Höhe auf dem Lava-Boden standen und mit den Händen die Hitze des Gesteins erfühlten. Der Bergführer hatte uns zwar nicht zu der Stelle gelotst, die gerade ausgebrochen war, sondern auf die andere Seite, aber wenige Zentimeter unter der ersten, wie extrem grober, schwarzer Sand anmutenden Lavaschicht, auf der wir liefen, war das Sediment dennoch warm wie ofenfrisches Brot. So ist es dort oben immer, trotz der überall sichtbaren Eis-Adern unter weggebrochenen Lavaschichten.

Überhaupt war es dort oben wärmer als gedacht, die Junisonne brannte auch in 3000 m Höhe noch genug, um die mitgebrachte Jacke im Rucksack verstauen zu können. Vielleicht lag die empfundene Hitze auch daran, dass man die letzten 500 m mit dem Bergführer in langen Serpentinen über ständig wegbröckelnde und -rutschende Lavapfade zu Fuß bewältigt hatte, was eine nicht unerhebliche Anstrengung für Lunge und Muskeln bedeutete. Man hat schließlich schon etliche Lebensjahrzehnte hinter sich und das gelegentliche Bergwandern in den Hausgebirgen nördlich oder südlich von Montreal fällt als Vorbereitung auf den „Gipfelsturm am Ätna“ eher nicht ins Gewicht.

Das Eis unter der Lava-Asche war überraschend

Natürlich gibt es geübte und wohltrainierte Jungspunde, die den gesamten Berg zu Fuß hochklettern und diejenigen sportlich in den Schatten stellen, die sich, wie wir an diesem Tag, zuerst im Bus, dann mit der Seilbahn auf 2,000 m und dann die nächsten 500 m mit einem allradgetriebenen Geländewagen den Ätna hinaufbewegen. Ab dieser Höhe allerdings darf man nur noch zu Fuß, in Schlangenlinie und nicht ohne zertifizierten Bergführer weiter nach oben, denn es wird zu gefährlich: einerseits wegen des unsicheren Terrains und andererseits wegen der, sagen wir mal schrulligen, Natur des Ätna, dem es zu gefallen scheint, unvorhergesehenerweise die Touristen mit plötzlichen, kleineren Ausbrüchen jenseits der vier Hauptkrater zu erschrecken. Dann braucht es jemanden, der den Berg genau kennt, um schnell und sicher aus der Gefahrenzone herausgeleitet zu werden.

Es lohnt sich, den Ätna hinaufzusteigen und die weite, gewellte, von tiefen Kratern durchsetzte schwarz-bizarre Mondlandschaft zu erleben und das herrliche Panorama zu genießen.

Ein momentan stiller Krater auf dem Ätna

Wegen seines außerordentlichen Wertes für wissenschaftliche Forschungen – er ist ein weltweit anerkanntes natürliches Laboratorium - steht der schöne, aber manchmal gefährliche Berg seit 2013 auf der Liste des UNESCO Kulturerbes.

Am und um den Ätna, also im Ätna-Park, gibt es über 200 Lavahöhlen, die ebenfalls interessante Geschichten bergen. So wurden z.B. während der Bombardements im zweiten Weltkrieg zahlreiche dieser Höhlen von den Anwohnern als Luftschutzräume genutzt. Und im 18. Jahrhundert, lange vor Erfindung von Kühlschrank oder Tiefkühltruhe, kamen findige Anwohner auf die Idee, den im Winter sich reichlich ansammelnden Schnee zu kompaktieren und per Schiff nach Malta und Neapel zu verkaufen.

Überhaupt mag es manche überraschen, dass der feuerspeiende Berg über durchaus ernstzunehmende Skipisten verfügt, mit atemberaubendem Rundumblick aufs Mittelmeer. Die Nicolosi Abfahrten auf der Südseite sind schneesicher bis 1,700 m und Temperaturen zwischen - 4 und – 12 Grad nahe der Gipfelstation, während man im nahegelegenen Catania in derselben Zeit bei durchweg frühlingshaften Temperaturen durch die Stadt flanieren könnte. Nicht jedoch ohne Regenschirm.

Nach der alljährlichen Schneeschmelze bricht reiche Vegetation in den verschiedenen ökologischen Zonen hervor, abhängig von Höhenlage, Zusammensetzung der Vulkanerde, Regenfällen und dem jeweiligen Mikroklima. An den unteren Hängen baut man seit vielen Jahrhunderten auf uralten, in den Berg gegrabenen Terrassen Wein an, Zitrushaine leuchten gelb in der Sonne, Eichen, Haselnüsse und Kastanien wachsen in Wäldern, und etwas weiter oben stehen die südlichsten Birkenwälder Europas in etwa 2000 m Höhe. Dann dünnt sich der Pflanzenwuchs fortschreitend aus, bis man nahe dem Gipfel nur noch sparsame Flechtenbüschel in der Vulkanwüste bemerkt.

Die Weine von den uralten Trockensteinterrassen und steilen Hängen des mächtigen Vulkans werden seit Kurzem nach einigen Jahren der Vernachlässigung wieder in ihre alten Rechte gesetzt und mit Hingabe und schweißtreibender Handarbeit gepflegt, in den alten Kelterhallen, den Palmenti aus Lavastein verarbeitet. Sie genießen den Ruf, einzigartig gut zu sein.

Am Ätna wird Extrem-Weinanbau betrieben, bis hinauf auf 1300 m über dem Meeresspiegel. Die terrassierten Weingärten in den höheren Lagen sind mit Trockensteinmauern umsäumt, um die herabfallende Lava-Asche unter den Rebstöcken zu halten. Die Trauben reifen an uralten, teilweise über hundert Jahre alten Albarello Rebstöcken, die noch aus der Zeit stammen, bevor die Reblaus die besten Weinstöcke Europas vernichtete. Spezialisten zufolge produzieren diese händisch gehegten Weinstöcke sowohl rote als auch weiße Weine mit großer Spannkraft und mineralischer Kühle, die ihre extreme Feinheit aus den mineralreichen Lavaböden und den extremen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht ziehen. Und ich als laienhafter Genießer kann bestätigen, dass die Ätna-Weine einfach gut schmecken.

Es gibt 165 Weingüter am Ätna, und vor allem junge Winzer treten vermehrt trotz der steil anziehenden Hektarpreise mit viel Enthusiasmus das jahrhundertealte Erbe der Produktion erlesener Weine an. Heute ist die Herstellung sehr streng reguliert. Erträge dürfen maximal 9 Tonnen pro Hektar betragen (für Riserva nur 8 Tonnen), und Riservaweine müssen mindestens vier Jahre reifen, davon ein Jahr im Holzfass. Die Lagen variieren stark – von alten Lavaböden aus dem Jahr 1600 bis zu jahrtausendealten Strömen – was einzigartige, individuelle Weine hervorbringt.

Leider ist es eher unwahrscheinlich, wenngleich nicht unmöglich, beispielsweise einen Etna Rosso Contrada Marchesa von Donnafugata in Montreal zu ergattern.

Dieser reinsortige Rotwein aus der Nerello Mascalese-Rebe wird in einer der spektakulärsten Lagen am Ätna, in der Gemeinde Castiglione di Sicilia, produziert.

Trockensteinmauern im Weingut Donnafugata am Ätna

Beim nächsten Besuch in Sizilien, der bald wieder erfolgen möge, wird dieser Wein mit Sicherheit erneut genossen werden. Sein tiefes Rubinrot wird in der sizilianischen Sonne leuchten, und nach dessen Genuss wird man vielleicht davon überzeugt sein, heftiges Rumoren aus der Schmiedewerkstatt des begnadeten Hephaistos zu hören. Und man wird sich wünschen, der göttliche Handwerker möge seinen Zorn über die untreue Gattin im Zaume halten.

Abschließend bleibt noch festzustellen, dass mir rund um den Ätna kein Sizilianer aufgefallen ist, der besenschwingend herabgeregnete Asche von den oft malerischen Balkonen zu entfernen bemüht war. Vielleicht hatte bei den Spaziergängen durch die alten Gassen nahegelegener Städte und Siedlungen auch die gerade vorherrschende Windrichtung etwas damit zu tun.

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